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Dieser Text ist Susi gewidmet, die als einzige Person in meinem Realen Leben auch nur im entferntesten versteht, was es mit meinen Fanaktivitäten auf sich hat, und die eine ganze Menge zu diesem Essay beigetragen hat. Eine Anmerkung zu diese Fassung: Das Original dieses Aufsatzes wurde auf Englisch verfaßt. Bei vorliegender Version handelt es sich also um eine Übersetzung (und zwar um eine nicht hundertprozentig korrekte...). Da diese Übersetzung unter erheblichem Zeitdruck an einem einzigen Nachmittag angefertigt wurde, mangelt es ihr möglicherweise an einer gewissen Eleganz. ;-)
Zuhause im 24. Jahrhundert: DS9 und ich:Deep Space Nine ist nicht mehr. Zwar bewacht die Station noch immer den Eingang zum Wurmloch, unter dem kompetenten Kommando einer einsamen Colonel Kira, doch wir sind nicht länger regelmäßig dort zu Gast. Und selbst wenn wir es wären, es wäre nicht mehr dasselbe ohne einen Sicherheitschef, der alle 16 Stunden in einen flüssigen Zustand zurückkehren muß, ohne einen Sternenflotten-Captain, der zugleich der Abgesandte der Propheten ist, ohne einen genialen irischen Chefingenieur und ohne eine cardassianische Schneiderei auf dem Promenadendeck. Der DS9-Kanon ist erstarrt, er wird von nun an nicht mehr wachsen oder sich verändern. Wollen wir trotzdem etwas Neues über die Station und ihre Bewohner erfahren, so müssen wir es erfinden. Vielleicht - hoffentlich - wird der Kanon anfangen, sich zu verzweigen, in unzählige von Fans geschaffene Alternativuniversen. Ich hoffe sehr, daß DS9 in den Köpfen und Werken der Fans weiterleben wird, obwohl ich befürchte, daß es längst nicht so viel Anklang gefunden hat, wie es verdient hätte. Ich wurde erst kürzlich zu Star Trek 'bekehrt'. Mein 'Erstkontakt' mit Star Trek fand vor vier Jahren statt, 1996, als ich mir angewöhnte, beim Kochen und Mittagessen fernzusehen. Ich wohnte damals in einem winzigen 'Apartment', Bett und Schreibtisch und Miniaturküche in einem einzigen Zimmer, was es den Küchengerüche ermöglichte, meinen Kleiderschrank zu erobern und das Kühlschrankbrummen in meinen Schlaf eindringen ließ. Anderseits wurde das Abwaschen erheblich interessanter, wenn man dabei Captain Picard betrachten konnte... Da dies hier eine Hommage an DS9 sein soll, und nicht an The Next Generation, beschränke ich mich darauf, festzustellen, daß ich zuerst ein Interesse an Captain Picard und danach für den Rest der Crew entwickelte. Bald begann ich auch die oft recht faszinierenden Plots und den Hintergrund der Serie zu schätzen. Dies war meine Einführung in die Föderation, in das Star Trek Universum. Abgesehen davon war es auch meine Einführung in das Dasein als Fan, auch wenn mir das damals noch nicht so recht klar war. Erst nachdem ich eine heftige Leidenschaft für eine Figur aus einer anderen Fernsehserie entwickelt hatte, entdeckte ich 'wirkliches' Fandom. (Siehe: "Mann mit Mantel") Bis zum heutigen Tag bin ich nicht wirklich aktiv im DS9 oder ST Fandom. Mein 'Heimatfandom' ist ein anderes; dort fühle ich mich wohl und in den betreffenden Bereichen des Netzes kenne ich mich aus. Im Laufe der vergangenen Monate, während der Wiederholung von DS9, ist mir jedoch klargeworden, daß mir die Serie viel bedeutet. Tatsächlich bedeutet sie mir wahrscheinlich mehr als jede andere Fernsehserie, die ich bisher gesehen habe. An dieser Stelle möchte ich von einer entscheidenden Erfahrung erzählen, die ich im Zusammenhang mit DS9 gemacht habe. Die Serie war für eine ganze Weile im deutschen Fersehen nicht zu sehen gewesen, aber ich wußte, daß sie bald unter der Woche wieder gezeigt werden sollte. Da ich mich daran erinnerte, wie sehr ich DS9 gemocht hatte, erwartete ich die Pilotfolge mit Spannung. Man stelle sich mich vor, bequem auf dem Boden vor dem Fernseher hingefläzt, während der Vorspann beginnt - während die wohlbekannte Melodie nach einjähriger Abwesenheit wieder erklingt... Ich war darauf vorbereitet gewesen, erfreut zu sein, DS9 wiederzusehen. Was ich nicht erwartet hatte, war nach hause zu kommen. Bereits der erste flüchtige Blick auf die Station zeigte mir, daß DS9 für mich nicht mehr einfach eine nette TV-Serie war, sondern sich zu einem wichtigen Teil meines Lebens entwickelt hatte: Als ich die vertrauten Umrisse der Station auf dem Bildschirm sah, fühlte ich all die machvollen Gefühle, die mit der Rückkehr in ein lange verlorenes Zuhause verbunden sind - es war sowohl schmerzhaft als auch wunderbar. Wenn DS9 für mich eine Art Zuhause geworden ist, so sind die Crew und die zivilen Bewohner der Station Familie oder Freunde für mich. DS9 hat das ST Universum für mich real gemacht. Wenn ich mit dem einzigen ST Fan, den ich im realen Leben kenne (Hallo Susi!), über die politische Situation auf DS9 diskutiere, reden wir darüber, wie wir auch über reale Politik reden würden. Zu sehen, wie Odo Kira seine Liebe gestand, wie Dax oder Ziyal starben oder wie Nog sein Bein verlor, hat tiefe Gefühle in mir ausgelöst. DS9 hat mich in Zustände des überschwenglichen Glücks, der Besorgnis und sogar der Trauer versetzt. Wenn ich zusehe, wie Leute die Korridore der Station entlang gehen, fühle ich beinahe den Stationsboden unter meinen Füßen. Auf einem Regal in meinem Zimmer stehen jetzt 38 Videokassetten, auf denen 170 von 176 Folgen von DS9 aufgezeichnet sind (einen Teil der ersten Staffel habe ich aus Versehen wieder überspielt). DS9 ist die erste Fernsehserie, die ich jemals versucht habe komplett aufzunehmen. Laßt mich nun das Lob diese kreativsten, innovativsten und reifsten 'Inkarnation' des Star Trek Universums singen...
Gründe, DS9 zu lieben:Womit soll ich beginnnen? Als Fan erscheint es mir natürlich unbegreiflich, wie es für irgend jemanden nicht offensichtlich sein kann, wieso ich diese Serie so großartig finde. Es gibt so viele Gründe dafür, DS9 zu lieben. Ich werde ein paar davon aufzählen: Vedek Bareil Warum zähle ich all diese Figuren auf, sogar die unbeliebten und unwichtigen, sogar Kirayoshi, der noch ein Baby ist? Ich zähle sie auf, weil sie alle zur Textur und Komplexität der Serie beitragen...
Charakterentwicklung:In einem in ST noch nie dagewesenen Ausmaß dreht sich DS9 um seine Charaktere. Die meisten von ihnen werden mit erstaunlicher Tiefe und oft auch ambivalent dargestellt. Dies macht sie sehr real. Viele Folgen sind der Entwicklung einzelner Figuren oder der Entwicklung der Beziehung zwischen zwei Figuren gewidmet. Oft ist die eigentliche Handlung einer Folge nur ein 'MacGuffin' oder ein Katalysator, der eine bestimmte Entwicklung anregt oder zur Entdeckung einer neuen, unerwarteten Seite an einer Figur führt. Nach sieben Jahren DS9 hatte beinahe jede Hauptfigur bedeutende Veränderungen durchgemacht. Das Leben auf DS9 beeinflußt die Charaktere. Es hinterläßt Spuren und manchmal auch Narben, sowohl physisch als auch psychisch. Die Charaktere bewältigen Probleme nicht quasi nebenbei, für den Zuschauer unsichtbar zwischen zwei Folgen, sondern in der Serie. Sie wachsen mit ihren Erfahrungen und gewinnen eine persönliche Geschichte. Dieser persönliche Hintergrund, den wir kennen, verstärkt die Wirkung, die die aktuellen Handlungen und Ereignisse auf uns als Zuschauer haben. Wenn beispielsweise Kira der cardassianischen Widerstandsbewegung gegen das Dominion beitritt, so kennen wir ihre Vergangenheit im bajoranischen Widerstand. Wir können die Ironie der Situation sehen und können uns vorstellen, wie Kira sich fühlt. Zwei der Hauptfiguren brachten bereits eine Vergangenheit mit in die Serie. Sowohl Worf als auch Chief O'Brien waren dem Publikum bereits als Besatzungsmitglieder der Enterprise bekannt. Auch dies trug dazu bei, daß man den Eindruck bekam, daß die Leute, denen man auf dem Fernsehbildschirm zusah, ein wirkliches Leben und eine Vergangenheit hatten. Am Ende von DS9 hatten die Zuschauer das Schicksal mancher Figuren seit bis zu zehn Jahren verfolgt. Es erstaunt kaum, daß dabei nachbarschaftliche, freundschaftliche, oder sogar familäre Gefühle enstanden - Bei mir geschah das in weit kürzerer Zeit.
Interaktion zwischen den Charakteren:Einer der Unterschiede zwischen DS9 und anderen ST Serien ist, daß die Bewohner von DS9 wirkliche Beziehungen haben; sie werden sogar von ihren Beziehungen definiert. Natürlich haben auch die Besatzungsmitglieder der Enterprise oder der Voyager Beziehungen untereinander, aber diese sind nicht im gleichen Maße der Mittelpunkt der Serien. (Daher sind viele 'Beziehungen' in diesen beiden Serien eher Behauptungen.) Dies liegt natürlich teilweise an der nicht ganz so militärischen Struktur des Lebens auf einer Raumstation. Auf einem Schiff wird das Leben von militärischer Disziplin beherrscht. Auf DS9 hingegen existiert ein ziviles Leben, das von all der Reibung und all den Konflikten begleitet wird, die unter militärischen Verhältnissen meistens unterdrückt werden.
Politische Komplexität:DS9 hatte den Vorteil, den Boden zu bestellen, der zuvor schon von The Next Generation und dem originalen Star Trek aus den Sechzigern vorbereitet worden war. Das 'Bühnenbild' stand schon, das ST Universum war bereits etabliert. Doch DS9 verwandelte dieses mild-utopische Universum in etwas Dunkleres, Rauheres und sehr viel Realeres. Paradoxerweise ist, obwohl der Schauplatz der Serie statisch ist, der Hintergrund, vor dem DS9 spielt sehr dynamisch. Er ist sehr viel dynamischer als der der Next Generation, obwohl, als diese Serie sich ihrem Ende näherte, auch hier Elemente größerer politischer Komplexität eingeführt wurden. DS9 ist eine ehemalige cardassianische Erzverarbeitungsstation in der Nähe des Planeten Bajor, einer Welt, die sich gerade von einer sechzig Jahre währenden cardassianischen Besatzung befreit hat. Die Föderation steht vor der schwierigen Aufgabe, den Bajoranern beim Wiederaufbau ihrer Kultur zu helfen und einen möglichen Versuch der Cardassianer, zurückzukehren, zu verhindern. In den ersten Staffeln der Serie sind die charakteristischen Probleme einer Nachkriegsgesellschaft sehr präsent. Bajor ist eine Welt, deren Kultur tief im Mystizismus verwurzelt ist, doch die Bajoraner sind in ihrem langen Kampf gegen die Besatzer auch zu erfahrenen Guerillakämpfern geworden. Religiöser Fanatismus und Terrorismus verbreiten sich nach dem Ende des Krieges. Bajor ist jedoch nicht der einzige Mittelpunkt der Serie. DS9 versucht, beide Seiten der Medaille zu zeigen, und so werden auch die politischen Entwicklungen auf Cardassia thematisiert. Cardassia, eine rücksichtslose, militaristische Kultur, hat während der Besatzungszeit einen Beinahe-Genozid an den Bajoranern verübt. Trotzdem werden die Cardassianer nicht als 'böse' dargestellt. Eine ganze Reihe von Folgen beschäftigt sich mit der cardassianischen Oppositionsbewegung, die für ein freiheitlicheres, demokratischeres Cardassia kämpft. Aber Cardassia, Bajor und die Föderation sind nicht die einzigen Figuren auf der politischen Bühne von DS9. Auch die Klingonen spielen weiterhin eine Rolle, und ihr Verhältnis zur Föderation ist im besten Falle als wackelig zu bezeichnen, bis der Aufstieg eines neuen und sehr gefährlichen gemeinsamen Feindes sie in eine Allianz mit der Föderation einwilligen läßt. Das Romulanische Imperium ist ebenfalls immer noch eine Macht, mit der man rechnen muß und die an einem Punkt der Serie eine entscheidende Bedeutung für das Überleben der Föderation bekommt. Zu guter letzt sollte man auch die Ferengi nicht vergessen, über deren Kultur wir eine Menge erfahren - auch wenn sie oft lediglich als 'comic relief' dienen.
Auftritt: Das Dominion:Durch die gesamten ersten beiden Staffeln ziehen sich Anspielungen auf eine geheimnisvolle und gefährliche Macht, die einen Großteil des Gamma-Quadranten beherrscht - die Region des Raumes, die durch das Wurmloch bei DS9 erreicht werden kann. Als diese Macht, das Dominion, schließlich ans Licht tritt, entpuppt sie sich als die größte Bedrohung, der die Föderation jemals entgegengetreten ist. Angeführt von den rätselhaften, expansiven 'Gründern', einer Rasse, die keine definierte körperliche Form hat, führt das Dominion einen gnadenlosen Krieg gegen die Föderation und den ganzen Alpha-Quadranten. Obwohl sich nicht jede Folge um den Krieg dreht, ist er in den späteren Staffeln eine dauernde Präsenz im Hintergrund und wirkt sich auf die Bewohner der Station aus.
Das verlorene Paradies: Die Föderation in Grautönen:Der Dominion-Krieg hat das ST Universum beträchtlich verändert. Zweifelsohne hat in ihm die Föderation ihre Unschuld verloren - und möglicherweise sogar ihre Seele. Im Gegensatz zu früheren ST-Konflikten ist der Krieg gegen das Dominion lang und schmutzig und wird in seiner ganzen Häßlichkeit gezeigt. Mehr als einmal müssen die 'Guten', d.h. die Föderation, auf ausgesprochen unmoralische Mittel zurückgreifen, um irgendein wichtiges Ziel zu erreichen. Es wäre einfach gewesen, das Dominion als das personifizierte Böse zu präsentieren, die ultimative, mysteriöse, ganz und gar fremdartige Bedrohung, wie beispielsweise die Schatten in Babylon 5. Doch obwohl es tatsächlich als eine unglaublich aggressive politische Kraft dargestellt wird, fehlt das Element des absoluten und unverständlichen Bösen. (Nun ja - meistens wenigstens.) Ein Mitglied der DS9-Besatzung gehört sogar zur schwer greifbaren Spezies der 'Gründer': Odo, Sicherheitschef auf der Station, ist hin- und hergerissen zwischen Loyalität zu seinen Freunden von der Föderation und der Sehnsucht, bei seinem Volk zu sein, dessen Verlangen nach Herrschaft auf seltsame Weise mit seinem angeborenen Drang nach Ordnung und Gerechtigkeit korrespondiert. Sogar die Jem'Hadar, perfekte Soldaten des Dominion, die nur zum Töten geboren und gezüchtet werden, werden in einer Anzahl von Folgen eher als Opfer ihrer Schöpfer denn als Monster o.ä. dargestellt. Das Dominion begeht unbestreitbar Akte größter Grausamkeit gegen seine Feinde und sogar seine Verbündeten, doch die Besatzung von DS9 muß zu ihrem großen Schrecken feststellen, daß auch die Föderation eine sehr dunkle Seite hat: Gegen Ende der sechsten Staffel wird eine rücksichtslose Geheimorganisation in das ST Universum eingeführt. Sektion 31, wie sich diese Gruppierung nennt, ist entschlossen, die Föderation gegen alle denkbaren Bedrohungen zu verteidigen - mit allen denkbaren Mitteln, bis zum und einschließlich Völkermord. Bereits vor dem Beginn des Krieges gibt es Anzeichen, daß die 'ideale Gesellschaft' der Föderation, an die zu glauben wir gewöhnt sind, vielleicht nicht mehr so ideal ist wie sie es einmal war. In DS9 wird die Föderation vielleicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte, und ganz sicher zum ersten Mal in der Geschichte von Star Trek, mit ernsten internen Konflikten konfrontiert. Siedler der Föderation, die aufgrund eines Vertrages zwischen der Föderation und Cardassia ihre Heimatplaneten an die Cardassianer verloren haben, gründen eine Widerstands- und Terrorbewegung. Diese Bewegung nennt sich selbst den 'Maquis' und kämpft weiter gegen die Cardassianer. Zufälligerweise ist 'le maquis' auch eine Bezeichnung für die französische Résistance, die im zweiten Weltkrieg unter dem Vichy Régime gegen die Nazis kämpfte. Wenn man die Cardassianer für die Nazis (oder, neutraler, die Deutschen) einsetzt, läßt das für die Föderation die unrühmliche Rolle des kollaborierenden Vichy-Régimes übrig. Dies zeigt recht deutlich, wie sehr sich die Siedler von der Föderation verraten fühlen. Die bloße Existenz einer Untergrundbewegung stellt automatisch die Motive und die Politik des politischen Gebildes, dem sie entspringt in Frage. Der Maquis stellt also die Föderation in Frage. Sektion 31 versucht die Föderation zu schützen, aber indem sie extrem unmoralische Mittel benutzt, kompromittiert sie die Föderation, die sie zu schützen vorgibt. Auch innerhalb der Institutionen der Föderation bestehen beängstigende Tendenzen: Anzeichen einer schleichenden Militarisierung, Fanatismus und Paranoia - besonders, nachdem bekannt wird, daß die Gründer die Föderationsregierung infiltriert haben könnten. In DS9 scheint es oft, als ob die zentrale Star-Trek-Idee, daß die Menschheit sich weiterentwickelt und eine neue Ebene ethischer Reife erreicht habe, nur eine Illusion gewesen sei. Genau wie die Kulturen und Imperien sind auch die Charaktere in DS9 in einigen der besten Momente der Serie in Grautönen gezeichnet. Captain Sisko, um ein Beispiel zu nennen, muß eine Reihe ethisch höchst schwieriger Entscheidungen treffen. In der Folge 'Im fahlen Mondlicht' tut er sich mit Garak, dem gerissenen cardassianischen Schneider, Spion und Auftragsmörder zusammen, um die Romulaner dazu zu bringen, der Allianz gegen das Dominion beizutreten. An diesem Punkt des Krieges ist Sisko verzweifelt genug, um Geheimdienstreporte zu fälschen und es zu tolerieren, daß Garak die Zeugen 'beseitigt'. Garak selbst ist ein hochkomplizierter Charakter - ein geübter Lügner, der einst ein Mitglied des gefürchteten cardassianischen Geheimdienstes war. Trotzdem ist er nun auf der 'richtigen' Seite und versucht, das Seinige zur Rettung des Alpha-Quadranten zu tun. Um ein drittes und letztes Beispiel zu nennen: Trotz seines sprichwörtlichen Sinnes für Gerechtigkeit war Odo in gewisser Weise ein Kollaborateur während der cardassianischen Besatzung und war dafür verantwortlich, daß mindestens drei Unschuldige durch die Cardassianer getötet wurden. DS9 gibt keine leichten Antworten auf die Fragen, die es stellt - es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob die Handlungen der Protagonisten einfach nur falsch oder vielleicht notwendig oder wenigstens zu verzeihen sind.
Kultureller Kontakt und kultureller Umbruch:Auf DS9 leben viele verschiedene Spezies zusammen. Viele der Hauptfiguren sind Außenseiter, leben im Exil oder werden von ihren "Landsleuten" als Sonderlinge angesehen. Viele entwickeln sich im Laufe der Jahre zu Außenseitern in ihrer Kultur. Das Leben zwischen zwei Kulturen ist ein wiederkehrendes Thema der Serie. Ein Beispiel dafür ist Odo, 'biologisch' gesehen ein Mitglied des Dominions, der sein ganzes Leben unter 'Humanoiden' verbracht hat. Als einziger Nicht-Humanoid auf der Station ist er grundsätzlich einsam, da nicht einmal seine Freunde ihn wirklich verstehen können. Dann ist da Worf, ein Klingone, der von Menschen auf der Erde aufgezogen wurde. (In Minsk! Okay, das war jetzt wirklich ein Insiderwitz.) Zu sehr Klingone, um sich unter Menschen wirklich wohl zu fühlen, doch ein Ausgestoßener unter Klingonen, ist er ein weiterer Charakter, der nirgends wirklich zuhause ist. Tora Ziyal, Tochter des Chefs der cardassianischen Besatzungstruppen, Gul Dukat, und einer Bajoranerin, wird weder auf Cardassia noch auf Bajor akzeptiert. Die Entscheidung ihres Vaters, sie anzuerkennen, führt zu seinem politischen Sturz (wenn auch nur vorübergehend). Und Nog, ein Ferengi und Neffe des ultra-kapitalistischen Barbesitzers Quark, wählt sich Sisko als Vorbild und tritt in die Sternenflotte ein - aus Angst davor, so zu enden wie sein Vater, ein Ferengi, dem die 'Ohren' für Profit fehlen. (Es waren übrigens die Ferengi, die mich, als ich anfing, DS9 zu verfolgen, am meisten verwirrten - ich konnte sie einfach nicht mit dem ST-Universum, das ich kannte, vereinbaren.) Und dann ist da natürlich noch Captain Sisko. Beinahe von seiner Ankunft auf der Station an wird er von den Bajoranern als religiöse Ikone angesehen und wächst langsam in diese Rolle hinein. In gewisser Weise beginnt er im Laufe der Zeit selbst, an die bajoranischen Propheten zu glauben, die vom Rest der Föderation lediglich als eine weitere neuentdeckte Art von Aliens betrachtet werden. In den späteren Staffeln der Serie plant er, ein Haus auf Bajor zu bauen. Während die im vorigen Absatz genannten 'Außerirdischen' bis zu einem gewissen Grad von menschlichen - /Föderationswerten beeinflußt sind, ist Sisko ein Mensch, der auf einer fremden Welt heimisch wird. Soweit ich weiß, ist dies das erste Mal, daß wir zu sehen bekamen, wie ein zentraler Star-Trek-Charakter gewissermaßen der rationalistischen Föderationskultur entfremdet wird. Kulturen stoßen nicht nur in vielen der Hauptfiguren von DS9 zusammen; auf einer Station, die von Personen von vielen verschiedenen Planeten bewohnt wird, kommt es ununterbrochen zu kulturellem Kontakt und Konflikt. Der Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen ist eine permanente Realität auf DS9, und viele unwahrscheinliche Freundschaften entstehen durch ihn. Der Kontakt zwischen Kulturen erleichtert (oder verursacht) Veränderungen in den beteiligten Kulturen. Daher ist kulturelle Veränderung und in manchen Fällen Aufruhr ein weiteres zentrales Charakteristikum vieler Folgen der Serie. Natürlich ist auch der Dominion-Krieg eine Form von, oder besser: eine Folge des Kontaktes zwischen verschiedenen Kulturen - das Resultat eines Kontaktes, bei dem etwas schief gegangen ist...
Der erste Star-Trek-Messias:Die bajoranische Religion ist möglicherweise die seltsamste neue Zutat, die DS9 dem ST-Universum hinzugefügt hat. Die Föderation ist tolerant, was unterschiedliche Glaubenssysteme betrifft, doch Religion hat nur noch marginale Bedeutung im Leben der Menschen des vierundzwanzigsten Jahrhunderts - zumindest auf der Erde. Es kann schon sein, daß es noch Menschen gibt, in deren Leben die Religion eine gewisse Rolle spielt - Chakotay aus 'Voyager' fällt mir dazu spontan ein; doch im großen und ganzen scheinen die Menschen, und möglicherweise auch die ganze Föderation, skeptisch gegenüber 'irrationalen' Glaubenssytemen zu sein. Als der Sternenflotten-Commander Benjamin Sisko das Kommando über DS9 übernimmt, wird er mit einem 'irrationalen' Glaubenssystem par excellence konfrontiert: Die Bajoraner halten ihn für den 'Abgesandten' ihrer Götter, der Propheten. (Nachtrag: Gerade fällt mir auf, daß hier das alte Klischee vom weißen Entdecker, der irgendwo im Busch von Eingeborenen als Gott verehrt wird, auf zweifache Weise ironisiert wird: Erstens, weil Sisko Schwarzer ist und die meisten Bajoraner Weiße sind, und zweitens, weil hier der zivilisierte Neuankömmling von den 'Eingeborenen', deren Kultur um einige Jahrtausende älter ist als die irdische, quasi bekehrt wird.) Sisko akzeptiert diese Rolle widerstrebend, um die Gefühle der Bajoraner nicht zu verletzten, doch mit der Zeit wird es mehr als eine Rolle für ihn. Er fängt an, Visionen zu haben, und beginnt zu erkennen, daß die Propheten ihm möglicherweise tatsächlich helfen könnten, mit seinem Leben klarzukommen. Mehr noch: Er erkennt, daß - zumindest für ihn - so etwas wie Schicksal oder Bestimmung existiert, und er entdeckt so etwas wie Gottvertrauen. Plump ausgedrückt, ist Sisko die erste Messias-Figur im ST-Universum, doch die Serie behandelt die Themen Glauben und Bestimmung auf eine eigenartig undogmatische, vielleicht sogar unentschiedene Weise. So seltsam es scheinen mag: Die Antwort der Serie auf die Frage, ob Sisko wirklich ein göttlicher Gesandter ist, ist: "Ja und Nein. Ja vom Bajoranischen Standpunkt aus. Nein vom Standpunkt der Föderation aus. Es hängt alles von der Perspektive ab." Für Sisko jedenfalls scheint es ab einem gewissen Punkt in seiner Entwicklung keinen großen Zweifel mehr zu geben. Die meiste Zeit verhält er sich immer noch wie ein Sternenflotten-Captain, aber ab und zu wird deutlich, daß er nicht nur die religiöse Terminologie der Bajoraner, sondern auch ihre Weltanschauung übernommen hat. (Unglücklicherweise wird der Handlungsstrang, der sich mit Siskos Entwicklung und den Propheten befaßt, zu einem unbefriedigenden Ende geführt.) Im Vergleich zu früherem (und späterem) Star Trek gibt es in DS9 einen erstaunlichen Überfluß an gottähnlichen Figuren. Die Serie führt nicht nur die Propheten, sondern auch die formwandelnden Gründer aus dem Gamma-Quadranten ein. Ihre Herrschaft basiert auf einem tyrannischen Glaubenssystem, in dem sie selbst die Götter sind. Während die Wurmloch-Wesen/Propheten mysteriös aber wohlwollend sind, haben die Gründer ihre Religion aus Gründen der Selbsterhaltung gegründet. Sisko's Vertrauen in die Propheten scheint gerechtfertigt zu sein, da die Propheten wirklich um Bajor besorgt zu sein scheinen. Der Glaube der Vorta und Jem'Hadar an die Gründer hingegen demonstriert die andere Seite der Medaille: Ihre Götter benutzen ihren Glauben, um sie sich gefügig zu machen.
Formale Vielseitigkeit:So viel zum Inhalt. Doch DS9 ist auch aus 'formalen' Gründen interessant. Die Serie benutzt und parodiert unzählige Genrekonventionen, um unzählige verschiedene Geschichten zu erzählen. Unter den verwendeten Formen sind Drama, Krimi, Kriegs- und Antikriegsfilm, Komödie, Romanze, Gerichtsdrama, ja sogar eine James-Bond-Parodie und eine DS9-Version von Casablanca, in der Quark die Rolle von Humphrey Bogart spielt. Bei all den dramatischen Ereignissen von galaktischen Ausmaßen wird oftmals 'comic relief' benötigt, um die Stimmung ein wenig zu heben. In vielen Fällen müssen die Ferengi diesem Zweck dienen - mit unterschiedlichem Erfolg. Ein weiteres komisches Element sind bizarren Nebenfiguren wie Morn, ein massiger Außerirdischer, der praktisch in Quarks Bar lebt. Morn ist eher ein running gag als eine wirkliche Person. Er ist in beinahe jeder Folge zu sehen. Die Hauptfiguren behaupten immer wieder, daß er zuviel rede, doch man sieht ihn niemals etwas anderes tun als stumm über einem Drink zu brüten. DS9 ist die erste ST-Serie, die mir einen Eindruck davon verschafft hat, was es wirklich bedeuten könnte, im ST-Universum zu leben. Sie steckt voller Details, die das Leben auf der Station real erscheinen lassen. Es gibt einige Folgen, die unbestreitbar unter Niveau sind, aber selbst diese enthalten für gewöhnlich wenigstens ein paar Details, die das Ansehen lohnen.
Und wie geht es weiter?Gestern habe ich "What You Leave Behind" gesehen. Ich habe geweint; zweimal sogar, sentimental wie ich bin. Am Abend des selben Tages bekam ich "Emissary" als verspätetes Weihnachtsgeschenk von einer Freundin, die ebenfalls um DS9 geweint hatte. Es mag ein wenig spät für ein Weihnachtsgeschenk gewesen sein, und doch hätte das Timing nicht besser sein können: Es fühlte sich gut an, die allererste Folge am Tag der letzten Folge zu sehen. Wenn man mal davon absieht, daß es mich beinahe noch einmal zum Weinen gebracht hat. Ein Kreis hat sich geschlossen. Das Wunderbare an Kreisen ist, daß sie kein Ende haben. Das Traurige an ihnen ist, daß sie sich auch nicht weiterentwickeln. Etwas Gutes ist zuende gegangen, und ich kann es immer noch nicht ganz fassen. DS9 mag vielleicht nicht perfekt gewesen sein - gab es jemals eine Fernsehserie von einer solchen Länge, die es gewesen wäre? - doch ein großer Teil kam der Perfektion sehr nahe. Verdammt nahe, zumindest für mich. Ich weigere mich, es sterben zu lassen. Irgendwo habe ich eine beendete Serie mit folgenden Worten beschrieben gesehen: "Die Serie ist jetzt im Wiederholungshimmel." In diesem Sinne wünsche ich DS9 viele glückliche Wiederholungen... November 1999 - 26. März 2000
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